Morkova
Wie Pilze, die nach einem warmen Fäulnisregen aus dem Boden schießen, wucherte in den letzten hundert Jahren eine Siedlung um den Fuß des Klosterberges. Sie nennen sie Morkova. Sie ist das dunkle, pulsierende Gegenstück zur asketischen Stille der Abtei; ein parasitäres Gebilde, das nur zu einem Zweck existiert: Den Reichtum der jugendlichen Studenten aufzusaugen, bevor der Ernst des Studiums sie verschlingt.
Morkova ist eine glitzernde Lüge aus Holz, Lehm und bunten Stoffbahnen. Sobald die Dämmerung in das Tal kriecht, entzünden sich tausende von bunten Öllampen und Fackeln. Sie tauchen die schiefen Gassen in ein unwirkliches, flackerndes Licht, das den Schimmel an den Fassaden gnädig verbirgt. Hier reiht sich Schankhaus an Spielhölle, Bordell an Kuriositätenkabinett. Es ist laut, es stinkt nach gebratenem Fett, billigem Parfüm und der allgegenwärtigen Kohle.
Zwei Fraktionen halten die Unterwelt von Morkova im Würgegriff:
- Die Schürer
In einem Tal, das den halben Jahr im eisigen Griff des Winters liegt, ist Wärme die härteste Währung. Die Schürer sind grobschlächtige Einheimische, deren Haut permanent von Ruß geschwärzt ist. Sie kontrollieren das Brennholz und die Kohle. Ihr Geschäftsmodell ist simpel: Wer nicht für zahlt, dessen Kamin bleibt kalt und wer für geleistete Arbeit nicht zahlt, dessen Lagerhaus wird mysteriös in flammen aufgehen. Sie sind keine organisierten Verbrecher im klassischen Sinne, sondern eher eine Gewerkschaftsbewegung die mit allen Mittel für die eigenen Leute kämpft. Für die feinen Studenten sind sie kaum mehr als Dreck, doch jeder Wirt in Morkova weiß: Wenn die Schürer streiken, erfriert die Stadt.
- Die Pergamenter
Diese Gruppe ist das traurige Sediment des akademischen Betriebs. Die Pergamenter bestehen aus Exmatrikulierten, Studienabbrechern und jenen, die an der Strenge der Abtei zerbrochen sind, sich aber nicht trauen, als Versager heimzukehren. Sie tragen ihre verblichenen, oft geflickten Studienroben mit einer trotzigen Arroganz. Ihre Waffen sind Tinte, gezinkte Würfel und bürokratisches Wissen. Sie fälschen Eintrittspapiere, schreiben Hausarbeiten für faule Adelssöhne und führen Buch über Spielschulden. Sie sind die Parasiten, die genau wissen, wie das System oben funktioniert, und die Brücke zwischen der Gosse und der Akademie bilden.
Inmitten dieses Chaos ragen zwei Orte heraus:
- Das Aurum Fatuum
Das größte und berüchtigtste Kasino der Stadt. Es ist in einer alten, entweihten Kapelle untergebracht, deren Buntglasfenster nun statt Heiligenbildern obszöne Szenen des Glücksspiels zeigen. Hier werden Vermögen an einem Abend verspielt, und es heißt, der Besitzer – ein fettleibiger Mann, den alle nur „Der Beichtvater“ nennen – besitzt mehr Schuldscheine von Adligen als die Banken des Kaiserreichs.
- Pfandhaus Koenig
Ein schiefes, hohes Gebäude am Rande der Slums. Es ist das größte Pfandhaus der Region. Seine Lager sind gefüllt mit den kostbaren Erbstücken, Büchern und Instrumenten der Studenten, die ihre Studiengebühren oder Spielschulden nicht mehr zahlen konnten. Es heißt, wer den Turm betritt, lässt nicht nur seinen Besitz, sondern auch einen Teil seiner Würde dort zurück.
Die Schattenklampen
Abseits der beleuchteten Hauptstraße, dort wo der Schein der bunten Lampions im feuchten Dunst erstickt, beginnt das wahre Morkova. Da der ebene Baugrund im Tal teuer und den Vergnügungshäusern vorbehalten ist, hat sich die Armut vertikal ausgebreitet. Die Slums, von den Einheimischen nur „Die Schattenklampen“ genannt, klammern sich wie kranke Schwalbennester an die steilen, nassen Felswände des Tals. Es ist ein wild gewuchertes Labyrinth aus morschen Holzbaracken, die übereinandergestapelt und mit verrosteten Eisenketten und nassen Tauen am Gestein verankert sind.
Hier gibt es kaum Straßen, eher ein gewagtes Geflecht aus glitschigen Holzstegen, wackeligen Leitern und engen Treppen, unter denen der Unrat direkt in die Tiefe fällt. Der Gestank von kalter Asche, menschlichen Ausdünstungen und klammem Holz steht permanent in der Luft, gefangen zwischen den Felswänden, die das Sonnenlicht fast den ganzen Tag aussperren. Wer hier wohnt – die Wäscherinnen, die Schankhilfen, die Tagelöhner – lebt in ständiger Gefahr. Ein falscher Tritt auf einem verfaulten Brett, oder ein Erdrutsch nach dem Tauen des Schnees, und ganze Familien verschwinden in der Tiefe. Es ist ein Ort ohne Privatsphäre und ohne Wärme, wo das Husten der Nachbarn durch die dünnen Wände dringt und der Blick nach oben nur die hölzernen Unterböden der Reicheren zeigt.
So liegt Morkova da, pulsierend und gierig, wartend auf die neuen Studenten, die nun, da der Winter den Pass versiegelt, keine Fluchtmöglichkeit mehr haben. Sie sind gefangen zwischen dem strengen Hammer der Abtei oben und dem weichen, verfaulenden Amboss der Stadt unten.
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