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Die Lehre

Der Lehrbetrieb in Vorstovska ist einzigartig in der bekannten Welt. Studenten aus allen Völkern – Menschen, Zwerge, Elfen und Exoten – strömen hierher, angezogen vom Ruf der Bibliothek, die Wissen birgt, das anderswo längst verbrannt worden wäre. Doch Wissen wird hier nicht verschenkt; es wird gewährt, tröpfchenweise, wie eine gefährliche Medizin.

Die Atmosphäre in den Hörsälen ist meist frei von direkter Einmischung durch den Klerikus. Die Mönche des Praedikatoriums haben wenig Interesse daran, den Alltag der Studenten zu verwalten. Sie leben in ihrer eigenen Welt der Riten und Mythen. Doch ihre Zurückhaltung macht die seltenen Momente ihrer Intervention umso bedeutungsschwerer. Ein Student kann wochenlang studieren, ohne eine rote Robe zu sehen. Doch wenn er zu laut über Ketzerei diskutiert oder in Bereiche vordringt, die nicht für ihn bestimmt sind, tauchen sie auf. Sie sind lautlos, starr, beobachtend. Sie sprechen selten Strafen aus; ihre Anwesenheit allein, das stumme Starren aus der Dunkelheit einer Nische, reicht meist aus, um den Mutigen zum Schweigen zu bringen.

Es gibt auch Orte in der Abtei, die selbst die mutigsten Studenten meiden. Man erzählt sich Geschichten über die Katakomben tief unter dem Klosterfundament. Es heißt, das alte Gewölbe sei einsturzgefährdet und nicht mehr kartographiert – ein Labyrinth aus vergessenen Gängen. Die offiziellen Warnungen sprechen von baulicher Instabilität, doch unter den Erstsemestern machen Erzählungen die Runde: Man erzählt von der alten Sage des Mönchs Valerius, der vor tausenden Jahren eine solch vollkommene Disziplin erreicht haben soll, dass er nicht mehr alterte. Als er schließlich doch an einer Seuche starb und in die Katakomben gebracht wurde, fanden die Brüder seinen Sarg drei Tage später erbrochen vor. Valerius saß auf dem kalten Stein, die Augen weit aufgerissen, ohne Atem. Seine Seele wog so schwer und war so fest ersteinert, dass der Tod sie nicht forttagen konnte. Bis heute wandert er durch die dunkelen Hallen. Der skeptische Leser wird schon wissen was hier vorgefallen ist: Eine alte Waschweibersage, unter den Mönchen religiöses Dogma, hat erneut die Runde gemacht um den neuankömmlingen einen Schrecken einzujagen.