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Konklave und Interregnum

Nun jedoch hält das gesamte Tal den Atem an. Die Nachricht verbreitete sich nicht durch Glockengeläut, sondern durch das plötzliche, hektische Treiben der Boten, die Prior Varkas aussandte: Ielon ist tot.

Er starb, so sagt man, vor einer Woche in seinem Turmzimmer. Nach über siebenhundert Jahren endete so seine Wacht. Doch mit dem Tod kommt die Unsicherheit. Da Ielon so unnatürlich lange regierte, hat kein einziger lebender Mönch jemals eine Große Wahl, ein Konklave, erlebt. Es gibt keine Routine. Die Abtei treibt in einem Zustand des Interregnums – einer theologischen Gesetzlosigkeit.

Prior Varkas, dessen Machtbasis allein auf seiner Rolle als Ielons Stimme beruhte, wirkt gehetzt. Er drängt auf eine schnelle Bestattung und ein sofortiges Konklave. Die Mönche bereiten die Missa pro defunctis vor, ein Ritual, in dem der Leichnam nicht verbrannt, sondern in Harz und Leinen gewickelt und in die „Halle der Ahnen“ unter dem Altarraum verbracht wird.

Doch das Timing könnte nicht schlechter sein. Der Winter ist mit aller Härte hereingebrochen. Düstere Wolkenmassen wälzen sich über die Gipfel, und der Frost beginnt, die Pfade gen Westen, die einzige Verbindung zur Außenwelt, zu Eis erstarren zu lassen. Es ist das eherne Gesetz des Tals: Der Lehrbetrieb beginnt – und die Tore schließen sich – in jenem Augenblick, da der Pass unpassierbar wird. Die Studenten, die Neuankömmlinge und die Bewohner Morkovas sitzen in der Falle.

Unten im Aurum Fatuum, wo der billige Wein die Zungen lockert, mischt sich unter das Klackern der Würfel ein nervöses Tuscheln. Die Pergamenter, deren Geschäft es ist, jede bürokratische Regung der Oberwelt zu deuten, tauschen vielsagende Blicke über ihren Humpen aus. Man weist auf die Diskrepanzen in den Lieferlisten hin – die feinen Speisen und Weine, die traditionell für die Tafel des Abtes bestimmt waren, seien schon vor Monaten von den Bestandslisten verschwunden. Es liegt eine bleierne Schwere in der Luft, die nichts mit dem kommenden Schnee zu tun hat. Die Einheimischen bekreuzigen sich öfter als sonst, wenn der Wind durch die Spalten im Fels pfeift und dabei Töne erzeugt, die fast wie ein tiefes, hungriges Grollen aus dem Untergrund klingen. Die wirkliche Furcht gilt jedoch dem Moment, wenn das schwere Eisenportal zum Konklave ins Schloss fällt. Denn wenn die roten Roben sich in ihre meditative Trance zurückziehen und die Augen der Wächter geschlossen sind, so fürchtet man, ist das Tal geschwächt, ausgeliefert, was auch immer dort draußen lauern könnte.

Erst wenn weißer oder roter Rauch aus dem Kamin steigt, wird man wissen, ob ein neuer Abt gefunden wurde. Bis dahin starrt das Tal auf den Berg, und der Berg starrt zurück, schweigend und kalt.