Skip to main content

Die Konklave

Der Tod Ielons ist kein einfacher Abschied für die Mönche. Da der Abt auf Lebenszeit gewählt wird und Ielon über sieben Jahrhunderte regierte, hat kein einziger lebender Mönch jemals eine Große Wahl erlebt. Das Wissen darum ist verblasst, steht nur noch in staubigen Folianten. Es gibt keine Routine für das, was nun geschieht. Die Abtei treibt in einem Zustand des Interregnums – einer theologischen Gesetzlosigkeit, in der die göttliche Ordnung kurzzeitig ausgesetzt ist. Die Angst geht um, dass in dieser führungslosen Zeit die spirituellen Schutzwälle, die das Tal umgeben, brüchig werden.

Denn der Glaube in Vorstovska unterscheidet sich fundamental von den Lehren der Außenwelt. Hier blickt man nicht in den Himmel, um Gott zu finden, sondern in den Stein. Sie dienen dem Prinzip der Ewigen Bewahrung. Veränderung ist für die Mönche gleichbedeutend mit Verfall; Gott offenbart sich nicht im Sturm, sondern im Fels, der dem Sturm trotzt. Ihr höchstes Ideal ist die Petrifikation der Seele: Ein Zustand innerer Unbeweglichkeit, an dem weltliche Begierden abprallen wie Regen an einer Granitwand. Deshalb tragen sie die schweren Roben in tiefem Rot – nicht die Farbe des frischen Lebenssaftes, sondern die von geronnenem Blut, das endlich zur Ruhe gekommen ist. Ihre Gebete sind kein Gesang, sondern ein monotones, tiefes Brummen, das den Herzschlag des Berges imitieren soll.

Dieser fast wahnhafte Fokus auf Dauerhaftigkeit speist sich aus einer Furcht, die tiefer sitzt als die Angst vor dem Sterben selbst. Sie gründet auf dem Mythos von Valerius, einer Geschichte, die Novizen nur flüsternd weitergegeben wird. Vor tausenden Jahren, lange vor Ielons Zeit, soll der Mönch Valerius eine solch vollkommene Disziplin erreicht haben, dass er nicht mehr alterte. Als er schließlich doch an einer Seuche starb und in die Katakomben gebracht wurde, fanden die Brüder seinen Sarg drei Tage später erbrochen vor. Valerius saß auf dem kalten Stein, die Augen weit aufgerissen, ohne Atem. Er war kein Wiedergänger aus nekromantischen Schauergeschichten, sondern etwas viel Schlimmeres: Ein Gefäß, dessen Seele so schwer und fest geworden war, dass der Tod sie nicht forttagen konnte. Er existierte weiter, entleert von jeder menschlichen Wärme. Für die Mönche ist der Tod daher nicht das Ende, sondern ein Wagnis und das „Überleben“ als leere Hülle gilt als das ultimative spirituelle Versagen.

Nun, da Ielon gefallen ist, bereitet der Konvent die Missa pro defunctis vor. Es ist ein Ritual der Versiegelung in welcher der Leichnam nicht verbrannt, sondern in Harz und Leinen gewickelt und in die „Halle der Ahnen“ unter dem Altarraum verbracht wird. Erst wenn der Tote gebunden ist, kann das Konklave beginnen – ein Ritus, der so lange nicht vollzogen wurde, dass er wie eine Legende wirkt. Damals, so heißt es in den alten Schriften, zogen sich die wahlberechtigten Brüder in den fensterlosen Rundbau tief im Herz des Berges zurück. Die Eisentüren wurden von außen mit Wachs und dem Siegelring des Verstorbenen verschlossen. Es gab kein Zurück, kein Essen und keinen Schlaf. In der stickigen Hitze, geschwängert von Schweiß und dem Rauch harziger Fackeln, verschwammen die Grenzen der Wahrnehmung. Man erzählt sich, dass die Mönche in ihrem tranceartigen Wahn begannen, die Schatten der Vergangenheit zwischen sich wandeln zu sehen.

Die Wahl selbst war gnadenlos und konnte Tage dauern, denn sie verlangte Einstimmigkeit. Erst wenn ein Kandidat von allen als würdig erachtet wurde, war das Konklave beendet. Das Signal an die Außenwelt war damals subtil, aber unmissverständlich, und so soll es auch diesmal sein: Wenn die Entscheidung gefallen ist, entzünden die Mönche ein Feuer im Kamin des Rundbaus, genährt mit speziellen Mineralien. Der Rauch, der dann aus dem einzigen Schornstein über dem Westflügel aufsteigt, ist tiefrot – die Farbe von altem, verrostetem Eisen und geronnenem Blut.

Wenn dieser Rauch über Morkova aufsteigt, wissen die Studenten und die Bewohner der Slums, dass das Tal einen neuen „Hüter des Felsens“ hat. Bis dahin jedoch hält die Stadt den Atem an. Die magischen Schutzsiegel der Bibliothek sind geschwächt, die Mönche nervös und gewaltbereit. Und ein altes Sprichwort besagt: Wenn die Wahl nicht vor dem ersten Neumond vollzogen ist, wird der Geist des alten Abtes versuchen, seinen Körper zurückzufordern, um den Konvent für seinen Verrat zu bestrafen.