Eine Vorgeschichte
Tief verborgen im zerklüfteten, nebelverhangenen Bergtal von Vorstovska, dort, wo die Sonne selbst im Hochsommer nur zaghaft den Boden berührt, thront die Abtei. Sie ist kein Bauwerk, das den Himmel herausfordert, sondern eines, das sich vor ihm duckt. Der Stein der Mauern ist dunkel, gesättigt von der Feuchtigkeit der Jahrhunderte, und Efeu klammert sich wie die knöchernen Finger eines Ertrinkenden an die bröckelnden Fassaden. Es ist ein Ort, der schwer auf der Seele liegt, an dem die Luft stets ein wenig dünner und kälter zu sein scheint als im Rest der Welt.
Eine Vorgeschichte
Der Vorsteher dieser heiligen Hallen war Ielon. In der „Alten Sprache“ bedeutet sein Name „Der Hörende“. Ielon war ein Elf, und obwohl die Anwesenheit der bekanntermaßen langlebigen Elfen in diesen Landen keine Seltenheit ist, war sein Alter ein Flüstern wert, das Generationen überdauerte. Siebenhundertneunundfünfzig Jahre wandelte er auf dieser Welt, und unglaubliche siebenhundertundfünf davon lenkte er die Geschicke der Abtei. Er wurde respektiert wie ein uralter Baum, dessen Wurzeln das Fundament des Klosters selbst zusammenhielten. Als er im jungen Alter von 54 Jahren gewählt wurde, tobte eine Zeit des Sturms: Krieg überzog die Lande mit Feuer, und Seuchen rafften die Völker dahin. Ielon traf damals eine folgenschwere Entscheidung. Er verriegelte die schweren Eichentore und schottete die Abtei hermetisch von der Außenwelt ab.
Draußen vergingen die Zeitalter. Königreiche zerfielen zu Staub, Herrscher krönten sich zu Caesaren und wurden gestürzt, Grenzen verschoben sich wie Sand in der Wüste. Doch in Vorstovska blieb alles gleich. Die Abtei wurde zu einem eremitischen Exil, theologisch unangetastet von jeder kirchlichen Autorität, ein in sich geschlossener Kosmos, frei, sich selbst zu entwickeln. In sechshundert Jahren der Isolation brachte diese Abgeschiedenheit brillante Denker hervor – Meister der Magie, der Philosophie, der Medizin und Alchemie. Doch ihr Wissen war ein Schatz ohne Erben, eingeschlossen in modernden Bibliotheken, während die Gärten verwilderten und der Putz von den Wänden bröckelte.
Vor einhundertunddrei Jahren erreichte der Verfall seinen Höhepunkt. Die Mönche, so asketisch und gottesfürchtig sie auch waren, verlangten nach einer Entscheidung. Die Armut fraß an den Grundfesten. Ielon, der sein Volk wie ein Schäfer über Jahrhunderte beschützt hatte, beugte sich widerwillig. Er öffnete die Tore für den Lehrbetrieb – jedoch unter strikten Auflagen.
Nur jene Mönche, die sich freiwillig dem Lehramt verschrieben und den Kontakt zur Außenwelt suchten, durften mit den Neuankömmlingen interagieren. Dies führte zu einer tiefen Spaltung der Gemeinschaft, die bis heute in jedem Winkel der Abtei spürbar ist.
Auf der einen Seite steht das Cognitatorium. Es ist die Fraktion der Dozierenden und Studierenden, jene, die den Staub von den Büchern blasen wollen. Sie streben nach Wissen, Fortschritt und dem Austausch mit der Welt, oft mit einem fast mitleidigen Blick auf die alten Traditionen. Auf der anderen Seite steht das Praedikatorium, die eifernden Traditionalisten. Für sie ist die Öffnung des Klosters eine notwendige Sünde, ein Übel, das man dulden muss, um den Fortbestand des Glaubens zu sichern. Sie sind der wahre Kern des Ordens, emitiert und meist unsichtbar. Man sieht sie selten. Wenn sie durch die klammen Kreuzgänge huschen, sind sie gehüllt in schwere Gewänder von dunklem, fast blutigem Rot, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Sie sind keine Gefängniswärter, dafür sind sie zu sehr mit ihren eigenen Gebeten beschäftigt, doch ihre bloße Existenz ist eine Mahnung. Sie sind die Schatten im Augenwinkel der Studierenden.
Ielon selbst zog sich nach der Öffnung vollständig zurück. Er leitete das Kloster in absentia, ein Geist in den eigenen Hallen. Seit Jahrzehnten hatte ihn kein Student und kaum ein Bruder mehr gesehen. Seine Befehle, seine Urteile und seine Gedanken drangen nur durch einen einzigen Mann nach außen: Prior Varkas. Varkas, ein hagerer Mensch mit Augen wie schwarze Kiesel, wurde zur Stimme des Abtes, zum Torwächter vor den privaten Gemächern. Viele munkelten, dass Varkas mehr Macht innehatte, als sein Rang vermuten ließ, und dass Ielons Isolation dem Prior nur allzu gelegen kam.
Die Lehre
Der Lehrbetrieb in Vorstovska ist einzigartig in der bekannten Welt. Studenten aus allen Völkern – Menschen, Zwerge, Elfen und Exoten – strömen hierher, angezogen vom Ruf der Bibliothek, die Wissen birgt, das anderswo längst verbrannt worden wäre. Doch Wissen wird hier nicht verschenkt; es wird gewährt, tröpfchenweise, wie eine gefährliche Medizin.
Die Atmosphäre in den Hörsälen ist meist frei von direkter Einmischung durch den Klerikus. Die Mönche des Praedikatoriums haben wenig Interesse daran, den Alltag der Studenten zu verwalten. Sie leben in ihrer eigenen Welt der Riten und Mythen. Doch ihre Zurückhaltung macht die seltenen Momente ihrer Intervention umso bedeutungsschwerer. Ein Student kann wochenlang studieren, ohne eine rote Robe zu sehen. Doch wenn er zu laut über Ketzerei diskutiert oder in Bereiche vordringt, die nicht für ihn bestimmt sind, tauchen sie auf. Sie sind lautlos, starr, beobachtend. Sie sprechen selten Strafen aus; ihre Anwesenheit allein, das stumme Starren aus der Dunkelheit einer Nische, reicht meist aus, um den Mutigen zum Schweigen zu bringen.
Es gibt auch Orte in der Abtei, die selbst die mutigsten Studenten meiden. Man erzählt sich Geschichten über die Katakomben tief unter dem Klosterfundament. Es heißt, das alte Gewölbe sei einsturzgefährdet und nicht mehr kartographiert – ein Labyrinth aus vergessenen Gängen. Die offiziellen Warnungen sprechen von baulicher Instabilität, doch unter den Erstsemestern machen Erzählungen die Runde: Man erzählt von der alten Sage des Mönchs Valerius, der vor tausenden Jahren eine solch vollkommene Disziplin erreicht haben soll, dass er nicht mehr alterte. Als er schließlich doch an einer Seuche starb und in die Katakomben gebracht wurde, fanden die Brüder seinen Sarg drei Tage später erbrochen vor. Valerius saß auf dem kalten Stein, die Augen weit aufgerissen, ohne Atem. Seine Seele wog so schwer und war so fest ersteinert, dass der Tod sie nicht forttagen konnte. Bis heute wandert er durch die dunkelen Hallen. Der skeptische Leser wird schon wissen was hier vorgefallen ist: Eine alte Waschweibersage, unter den Mönchen religiöses Dogma, hat erneut die Runde gemacht um den neuankömmlingen einen Schrecken einzujagen.
Morkova
Wie Pilze, die nach einem warmen Fäulnisregen aus dem Boden schießen, wucherte in den letzten hundert Jahren eine Siedlung um den Fuß des Klosterberges. Sie nennen sie Morkova. Sie ist das dunkle, pulsierende Gegenstück zur asketischen Stille der Abtei; ein parasitäres Gebilde, das nur zu einem Zweck existiert: Den Reichtum der jugendlichen Studenten aufzusaugen, bevor der Ernst des Studiums sie verschlingt.
Morkova ist eine glitzernde Lüge aus Holz, Lehm und bunten Stoffbahnen. Sobald die Dämmerung in das Tal kriecht, entzünden sich tausende von bunten Öllampen und Fackeln. Sie tauchen die schiefen Gassen in ein unwirkliches, flackerndes Licht, das den Schimmel an den Fassaden gnädig verbirgt. Hier reiht sich Schankhaus an Spielhölle, Bordell an Kuriositätenkabinett. Es ist laut, es stinkt nach gebratenem Fett, billigem Parfüm und der allgegenwärtigen Kohle.
Zwei Fraktionen halten die Unterwelt von Morkova im Würgegriff:
Die SchürerIn einem Tal, das den halben Jahr im eisigen Griff des Winters liegt, ist Wärme die härteste Währung. Die Schürer sind grobschlächtige Einheimische, deren Haut permanent von Ruß geschwärzt ist. Sie kontrollieren das Brennholz und die Kohle. Ihr Geschäftsmodell ist simpel: Wer nicht für zahlt, dessen Kamin bleibt kalt und wer für geleistete Arbeit nicht zahlt, dessen Lagerhaus wird mysteriös in flammen aufgehen. Sie sind keine organisierten Verbrecher im klassischen Sinne, sondern eher eine Gewerkschaftsbewegung die mit allen Mittel für die eigenen Leute kämpft. Für die feinen Studenten sind sie kaum mehr als Dreck, doch jeder Wirt in Morkova weiß: Wenn die Schürer streiken, erfriert die Stadt.Die PergamenterDiese Gruppe ist das traurige Sediment des akademischen Betriebs. Die Pergamenter bestehen aus Exmatrikulierten, Studienabbrechern und jenen, die an der Strenge der Abtei zerbrochen sind, sich aber nicht trauen, als Versager heimzukehren. Sie tragen ihre verblichenen, oft geflickten Studienroben mit einer trotzigen Arroganz. Ihre Waffen sind Tinte, gezinkte Würfel und bürokratisches Wissen. Sie fälschen Eintrittspapiere, schreiben Hausarbeiten für faule Adelssöhne und führen Buch über Spielschulden. Sie sind die Parasiten, die genau wissen, wie das System oben funktioniert, und die Brücke zwischen der Gosse und der Akademie bilden.
Inmitten dieses Chaos ragen zwei Orte heraus:
Das Aurum FatuumDas größte und berüchtigtste Kasino der Stadt. Es ist in einer alten, entweihten Kapelle untergebracht, deren Buntglasfenster nun statt Heiligenbildern obszöne Szenen des Glücksspiels zeigen. Hier werden Vermögen an einem Abend verspielt, und es heißt, der Besitzer – ein fettleibiger Mann, den alle nur „Der Beichtvater“ nennen – besitzt mehr Schuldscheine von Adligen als die Banken des Kaiserreichs.Pfandhaus KoenigEin schiefes, hohes Gebäude am Rande der Slums. Es ist das größte Pfandhaus der Region. Seine Lager sind gefüllt mit den kostbaren Erbstücken, Büchern und Instrumenten der Studenten, die ihre Studiengebühren oder Spielschulden nicht mehr zahlen konnten. Es heißt, wer den Turm betritt, lässt nicht nur seinen Besitz, sondern auch einen Teil seiner Würde dort zurück.
Die Schattenklampen
Abseits der beleuchteten Hauptstraße, dort wo der Schein der bunten Lampions im feuchten Dunst erstickt, beginnt das wahre Morkova. Da der ebene Baugrund im Tal teuer und den Vergnügungshäusern vorbehalten ist, hat sich die Armut vertikal ausgebreitet. Die Slums, von den Einheimischen nur „Die Schattenklampen“ genannt, klammern sich wie kranke Schwalbennester an die steilen, nassen Felswände des Tals. Es ist ein wild gewuchertes Labyrinth aus morschen Holzbaracken, die übereinandergestapelt und mit verrosteten Eisenketten und nassen Tauen am Gestein verankert sind.
Hier gibt es kaum Straßen, eher ein gewagtes Geflecht aus glitschigen Holzstegen, wackeligen Leitern und engen Treppen, unter denen der Unrat direkt in die Tiefe fällt. Der Gestank von kalter Asche, menschlichen Ausdünstungen und klammem Holz steht permanent in der Luft, gefangen zwischen den Felswänden, die das Sonnenlicht fast den ganzen Tag aussperren. Wer hier wohnt – die Wäscherinnen, die Schankhilfen, die Tagelöhner – lebt in ständiger Gefahr. Ein falscher Tritt auf einem verfaulten Brett, oder ein Erdrutsch nach dem Tauen des Schnees, und ganze Familien verschwinden in der Tiefe. Es ist ein Ort ohne Privatsphäre und ohne Wärme, wo das Husten der Nachbarn durch die dünnen Wände dringt und der Blick nach oben nur die hölzernen Unterböden der Reicheren zeigt.
So liegt Morkova da, pulsierend und gierig, wartend auf die neuen Studenten, die nun, da der Winter den Pass versiegelt, keine Fluchtmöglichkeit mehr haben. Sie sind gefangen zwischen dem strengen Hammer der Abtei oben und dem weichen, verfaulenden Amboss der Stadt unten.
Der Tod des Ewigen und das Interregnum
Nun jedoch hält das gesamte Tal den Atem an. Die Nachricht verbreitete sich nicht durch Glockengeläut, sondern durch das plötzliche, hektische Treiben der Boten, die Prior Varkas aussandte: Ielon ist tot.
Er starb, so sagt man, vor einer Woche in seinem Turmzimmer. Nach über siebenhundert Jahren endete so seine Wacht. Doch mit dem Tod kommt die Unsicherheit. Da Ielon so unnatürlich lange regierte, hat kein einziger lebender Mönch jemals eine Große Wahl, ein Konklave, erlebt. Es gibt keine Routine. Die Abtei treibt in einem Zustand des Interregnums – einer theologischen Gesetzlosigkeit.
Prior Varkas, dessen Machtbasis allein auf seiner Rolle als Ielons Stimme beruhte, wirkt gehetzt. Er drängt auf eine schnelle Bestattung und ein sofortiges Konklave. Die Mönche bereiten die Missa pro defunctis vor, ein Ritual, in dem der Leichnam nicht verbrannt, sondern in Harz und Leinen gewickelt und in die „Halle der Ahnen“ unter dem Altarraum verbracht wird.
Doch das Timing könnte nicht schlechter sein. Der Winter ist mit aller Härte hereingebrochen. Düstere Wolkenmassen wälzen sich über die Gipfel, und der Frost beginnt, die Pfade gen Westen, die einzige Verbindung zur Außenwelt, zu Eis erstarren zu lassen. Es ist das eherne Gesetz des Tals: Der Lehrbetrieb beginnt – und die Tore schließen sich – in jenem Augenblick, da der Pass unpassierbar wird. Die Studenten, die Neuankömmlinge und die Bewohner Morkovas sitzen in der Falle.
Unten im Aurum Fatuum, wo der billige Wein die Zungen lockert, mischt sich unter das Klackern der Würfel ein nervöses Tuscheln. Die Pergamenter, deren Geschäft es ist, jede bürokratische Regung der Oberwelt zu deuten, tauschen vielsagende Blicke über ihren Humpen aus. Man weist auf die Diskrepanzen in den Lieferlisten hin – die feinen Speisen und Weine, die traditionell für die Tafel des Abtes bestimmt waren, seien schon vor Monaten von den Bestandslisten verschwunden. Es liegt eine bleierne Schwere in der Luft, die nichts mit dem kommenden Schnee zu tun hat. Die Einheimischen bekreuzigen sich öfter als sonst, wenn der Wind durch die Spalten im Fels pfeift und dabei Töne erzeugt, die fast wie ein tiefes, hungriges Grollen aus dem Untergrund klingen. Die wirkliche Furcht gilt jedoch dem Moment, wenn das schwere Eisenportal zum Konklave ins Schloss fällt. Denn wenn die roten Roben sich in ihre meditative Trance zurückziehen und die Augen der Wächter geschlossen sind, so fürchtet man, ist das Tal geschwächt, ausgeliefert, was auch immer dort draußen lauern könnte.
Erst wenn weißer oder roter Rauch aus dem Kamin steigt, wird man wissen, ob ein neuer Abt gefunden wurde. Bis dahin starrt das Tal auf den Berg, und der Berg starrt zurück, schweigend und kalt.